Die Schönheit des freien Lernens

Unsere Tochter wäre diesen Sommer in die zweite Klasse gekommen. Das ist sie aber nicht, weil Steve und ich uns ganz bewusst für einen anderen Bildungsweg für unsere Kinder entschieden haben. Ihr steht der Besuch einer Schule natürlich frei, wir haben uns diesen Winter mehrere (freie) Schulen in Deutschland angeschaut und uns gemeinsam mit ihr dagegen entschieden. Zoe hat jedenfalls noch nie eine Schule besucht und das ist in nächster Zeit auch nicht geplant oder von ihr gewünscht. Unsere Kinder lernen also nicht in der Schule oder im Kindergarten, sondern – frei.

Freilernen? Was ist das denn?

Für alle Freilerner Newbies: Freilernen könnte man einordnen als eine besondere Art von Homeschooling. Wir machen aber keinen Hausunterricht, keine „Schule zuhause“ in unserer Familie. Es gibt überhaupt keine Form irgendeines Unterrichts. Keine Aufgabenzettel, keine Schreibübungen, keine Matheaufgaben, keinen Lehrplan. Wir sind nicht die Lehrer unserer Kinder, sondern ihre Eltern! Gelernt wird hier aber ganz viel bei uns, auch „Klassisches“ wie Lesen, Schreiben, Rechnen, nur eben auf eine völlig andere Art und Weise.

Freilernen ist also insofern doch etwas ganz anderes als klassisches Homeschooling, bei der die Schule zuhause stattfindet. Der englische Begriff für Freilernen ist „unschooling“ und das trifft es ganz gut. Wir machen in vielerlei Hinsicht genau das Gegenteil von dem, was in der Schule passiert! Unsere Kinder lernen frei nach ihren Neigungen und Begabungen das, was sie gerade interessiert. Sie können sich von morgens bis abends (im Rahmen unseres realen Lebens) aussuchen, womit sie sich beschäftigen wollen und wann. In ihrem eigenen Tempo. Ohne, dass wir Eltern eingreifen, bewerten, auch ohne dass wir sie zu bestimmten „Lerninhalten“ hinführen wollen.

„Keine Schule? Seid ihr total verrückt?“

Nun, das kommt sehr auf die Perspektive an. Gerade für die meisten Deutschen ist die Vorstellung, Kinder ohne Schule frei lernen und spielen zu lassen, was sie wollen, vollkommen abwegig, ja geradezu fahrlässig. Homeschooling hat einen schlechten Ruf und wird oft mit Abschottung und fanatisch-religiösen Inhalten assoziiert. Dazu kommt, dass es durch die sehr strikte Gesetzeslage in Deutschland faktisch kaum Homeschooler, geschweige denn Freilerner gibt. Die wenigen Familien, die sich für das Freilernen entscheiden, haben oft ein Interesse daran, nicht weiter aufzufallen oder wandern aus. Und was man nicht kennt, dem gegenüber ist man oft misstrauisch, das ist ja nichts Neues. Insofern finde ich Vorbehalte gegenüber einem Leben ohne Schule absolut nachvollziehbar.

Schaut man allerdings über unsere Landesgrenzen hinaus auf unsere Nachbarstaaten in Europa, ist die Situation durchaus differenzierter. Anders als die meisten Deutschen annehmen, entspricht Deutschland in seinem rigidem Bestehen auf eine ausnahmslose Schulanwesenheitpflicht (im Gegensatz zu einer weiter gefassten Bildungspflicht) weder der internationalen noch der europäischen Norm. In vielen europäischen Staaten ist Homeschooling (teils unter Einhaltung eines nationalen Curriculums, teils ohne Auflagen) legal und die Wahl des Bildungswegs den Familien vorbehalten. Darunter viele unserer unmittelbaren Nachbarn wie Großbritannien, Dänemark, Belgien, Irland, Frankreich, die Schweiz, Österreich.
Wusstet ihr übrigens, dass Deutschland bereits in 2006 wegen des „selektiven, undemokratischen und diskriminierenden“ Schulsystems und auch wegen des Verbots alternativer Bildungsformen wie z.B. Homeschooling von der UN gerügt wurde?

Schule nein – Bildung ja

Entscheidend für dem Entschluss, unseren Kindern eine selbstbestimmte Bildung möglich zu machen, ist das jahrelange Zusammenleben mit ihnen und das Miterleben ihrer Entwicklung. Steve und ich begleiten unsere Kinder seit ihrer Geburt und erleben seitdem jeden Tag, wie unheimlich wissbegierig, motiviert und voller Freude sie sich ihre Welt erschließen!

Babys kommen geradezu als kleine „Lernmaschinen“ auf die Welt und eignen sich in rasend schneller Geschwindigkeit Wissen und Fähigkeiten in einem Ausmaß an, dass es kaum zu fassen ist. Eine komplette Muttersprache, Sozialverhalten, komplexe Bewegungsmuster wie Gehen, Laufen, Springen, Schwimmen, Radfahren….Unglaublich, was Kinder innerhalb weniger Monate und Jahre alles vollbringen.

Diese angeborene, intrinsische Motivation, all das zu erlernen, was für ein „erfolgreiches“ Menschenleben gebraucht wird, versiegt nicht einfach plötzlich, nur weil Kinder 6 Jahre alt und schulpflichtig werden! Für uns ist Freilernen eine logische Schlussfolgerung einer jahrelangen Elternschaft der Bindung, des Vertrauens und der Gleichwürdigkeit.

Was lernen unsere Kinder konkret im Alltag?

Für diesen Artikel habe ich darüber nachgedacht, was unsere Kinder in den letzten Wochen und Monaten unserer Reise gelernt haben. Die Liste ist recht lang geworden, daher habe ich sie auf ein paar Momentaufnahmen gekürzt. Sie lernten zum Beispiel:

  • Über die Schrecken des Zweiten Weltkrieges während unseres Besuchs in Kalavrita, dem „Dorf der Witwen“ in Griechenland, in dem die Nazis 1943 ein schreckliches Massaker verübten;
  • Die Bedeutung von Müllvermeidung und nachhaltigem Lebensstil durch die Konfrontation mit den unzähligen Plastikbergen an Land und im Meer, denen wir auf unserer Reise fast täglich begegnen;
  • Selbständiges Einkaufen in diversen kleinen Campingläden; zeitgleich: der Umgang mit Geld, der Wert einzelner Geldmünzen, sowie Zählen und Rechnen im Hunderterraum (Zoe);
  • Lesen und Schreiben – z.B. durch tägliches Schreiben von Tagebuch und Briefen, durch Lesen von Straßenschildern, Verpackungen oder Büchern;
  • Soziale Interaktion: Freundschaften knüpfen und erhalten, Konflikt- und Problemlösung, Teamwork, Verhandlungen, Rücksicht nehmen und Interessen durchsetzen, Streiten und Vertragen;
  • Selbständiges Vorbereiten, Üben und Präsentation einer akrobatisch-musikalischen Vorführung mit Freunden auf der Bühne vor Dutzenden Zuschauern;
  • Kunst und Handwerkliches, u.a.: Häkel- und Knüpftechniken, naturgetreues Zeichnen, ein Fahrrad reparieren, eine Puppe selbst machen;
  • Gemeinsam Lebensmittel einkaufen und Mahlzeiten zubereiten
  • Endlos freie Bewegungsmöglichkeiten wie Rennen, Springen, Klettern, Schwimmen, Fahrradfahren, Handstand, Radschlagen;
  • Geographie, Flora und Fauna diverser Länder;
  • Sprachen: Kennenlernen diverser Sprachräume, Grundlagen in Englisch (Zoe);
  • Erleben und Hinterfragen von Armut und sozialer Ungleichheit sowie kulturellen Unterschieden.

 

Was sie außerdem lernen und was sich nicht gut in eine Liste sortieren lässt

Ebenso wertvoll (oder wertvoller!) wie die Inhalte der obigen Liste sind die vielen weiteren Erfahrungen, die unsere Kinder im unserem gemeinsamen Familien- und Lebensalltag machen.

Endlose Stunden in der Natur, ungestörtes Spielen und freie Bewegungsmöglichkeiten. Das Geräusch zirpender Grillen beim Einschlafen, das Rauschen der Wellen des Meeres, das Funkeln der Sterne am Himmel, das Rascheln der Blätter und Knirschen des Sandes unter nackten Füßen, die ungezählten Farben, Formen, Gerüche und Geräusche der Natur.

Fantasie, Kreativität, Vorstellungskraft. Eigene Stärken entdecken und entwickeln. Konzentriert versinken im Flow einer Tätigkeit, ohne dabei unterbrochen zu werden.

Achtsame Begleitung im Leben und bei Konflikten, bedingungslose Wertschätzung als Person unabhängig vom Verhalten, Ernstnehmen von Gefühlen und Interessen. Gewaltfreie Kommunikation. Selbstwirksamkeit. Erfahren, daß die eigenen Grenzen geachtet werden und erlernen, die Grenzen anderer zu achten. Streiten, vertragen, verzeihen, entschuldigen.

Lernen, daß die eigene Meinung zählt, daß man Entscheidungen treffen kann, daß man gehört und ernstgenommen wird. Daß man seine Träume verfolgen darf. Das dabei Hindernisse auftauchen und man sie überwinden kann.

Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen und pflegen. Täglich erleben, daß man anderen etwas bedeutet, daß man geliebt wird. Erfahren und verinnerlichen, daß die engsten Bezugspersonen einem bedingungslos vertrauen. Innige Beziehungen zu Geschwistern und Familienmitgliedern.

Für eine erfolgreiche Bildung braucht es keine Schule.

PS.: Antworten zu den häufigsten Fragen, die uns immer wieder gestellt werden.

  1. Aber in Deutschland herrscht doch Schulpflicht? Unsere Kinder lernen frei, weil sie nicht mehr in Deutschland gemeldet sind. Sie fallen also nicht mehr unter die deutsche Schulpflicht, die sich aus dem Wohnsitz bzw. gewöhnlichen Aufenthalt und nicht aus der Nationalität ableitet.
  2. Ich könnte das nicht, ich lebe ja in Deutschland. Ich empfehle sehr, mal die Website von Franziska Klinkigt zu besuchen oder sie zu kontaktieren. Ganz so eindeutig und aussichtslos, wie alle meinen, ist die Rechtslage in Deutschland jedenfalls nicht.
  3. Und was ist mit dem Abitur? Man muss keine Schule besucht haben, um in Deutschland das Abitur (oder einen anderen Schulabschluss) zu machen. Hier findet ihr ein Interview mit Esra Reichert, der mittlerweile als Freilerner sein Abitur mit 1,8 als externer Prüfling abgelegt hat.
5 Comments
  • Martin
    Posted at 14:04h, 26 August Antworten

    Toll zusammengefasst wie es bei reisenden Freilernerfamilien so aussieht 😉

  • Christiane
    Posted at 18:18h, 26 August Antworten

    Danke Rike! Schön geschrieben! Liebe Grüße aus Griechenland!

  • Georges
    Posted at 21:56h, 26 August Antworten

    Interessant. Allerdings stimmt der Hinweis auf die Schweiz nur bedingt. Zum einen ist es dort von Kanton zu Kanton unterschiedlich. Zum anderen ist es in den Kantonen, in denen es legal ist teilweise praktisch unmöglich, tatsächlich eine Bewilligung zu erhalten. So schreiben einige Kantone beispielsweise vor, dass die unterrichtende Person über ein Lehrerdiplom verfügt. Effektiv sind es darum nur etwa 500 Kinder, die zu Hause unterrichtet werden.

  • Christian Skubatz
    Posted at 21:59h, 26 August Antworten

    Wow, sehr schön und verständlich geschrieben und obendrein eine (für mich) neue Perspektive auf eine doch sehr andere „Bildungsform“.

    Ich bin vermutlich zu eingefahren oder zu deutsch um mir zuzutrauen meine (noch nicht vorhandenen) Kinder so frei zu erziehen bzw. zu bilden. Es gibt sicher einige Themen und Bereiche die ich vermutlich nur schlecht und unzureichend erklären bzw. vermitteln könnte. Zudem säße mir meine eigens erzeugte (vermutlich überflüssige) Angst im Nacken mein Kind nicht genügend auf das Leben vorbereitet zu haben.

    Versteht mich nicht falsch ich bin tief beeindruckt von Eurer Wahl und Eure Kinder haben vermutlich die beste Kindheit die man sich nur wünschen kann. Sie werden fantastische Freigeister sein, welche gleichaltrige in verschiedenen und sicherlich wichtigen Aspekten des Lebens locker in die Tasche stecken werden. Ich frage mich natürlich ob sich dennoch Defizite einschleichen werden. Was mich dann direkt zu der Frage bringt ob dies denn „schlimm“ oder unbedingt nachteilig sein muss. Dies hat wohl etwas mit dem späreren Berufswunsch und interessen der Kinder zu tun.

    Ich glaube die beneidenswerte und mutige Lebensart für welche Ihr Euch entschlossen habt, ermöglicht erst diese Art der Bildung für Eure Kinder. Das Reisen, die Orte, die Kulturen und Eure (vermutlich im deutschen Vergleich viel höhere) Zeit die Ihr mit Euren Kindern verbringen könnt unterstützen Euer gewähltes „Bildungsmodell“. In einer Großstadt mit einem 8h Bürojob halte ich es für deutlich schwerer umzusetzen bzw. dieses überhaupt zu leben.

    Der Artikel hat in jedem Fall dazu angeregt sich damit näher zu beschäftigen. Ganz liebe Grüße nach woanders.

    Chris aka Skube

    • Friederike
      Posted at 09:37h, 27 August Antworten

      Lieber Christian, danke für Deine schöne Rückmeldung! Deine Gedanken kann ich gut verstehen, schließlich stellt das Freie Lernen so ziemlich alles auf den Kopf, was wir ein Leben lang über Lernen verinnerlicht haben.
      Zwei kurze Antworten zu Deinem Kommentar:
      1) „…um mir zuzutrauen meine …Kinder so frei …zu bilden“ – Es ist ganz grundlegend anders herum! Wir Erwachsenen bilden (oder lehren) nicht unsere Kinder. Ich habe weder das Wissen noch den Anspruch, das komplette Schulwissen vermitteln zu können. Vielmehr können sich die Kinder mit den Themen auseinandersetzen, die sie interessieren – Sie bilden sich selbst. Selbstverständlich lernen sie von uns, von anderen, aus Büchern, Internet, Kurse, etc….aber eben selbstbestimmt das, was ihnen wichtig ist. Das ist gerade das tolle daran!
      2) „Ich frage mich natürlich ob sich dennoch Defizite einschleichen werden..“ Falls mit Defiziten Wissenslücken gemeint sind, werden diese nicht nur vielleicht, sondern garantiert da sein! Und zwar ENORME Wissenslücken!! Meine eigenen Wissenslücken sind z.B. RIESIG im Vergleich zu dem, was an Wissen vorhanden ist oder auch nur z.B. im Vergleich zum kompletten Schulwissen. Das ist aber vollkommen irrelevant für mein persönliches Lebensglück und auch Berufserfolg. Sicher haben meine Kinder, wie wir alle, Stärken und Schwächen. Es ist aber viel sinnvoller, daran zu arbeiten, die eigenen Stärken zu erkennen und auszubauen, als zu versuchen, die Schwächen auszugleichen.
      3) „In einer Großstadt mit einem 8h Bürojob halte ich es für deutlich schwerer umzusetzen bzw. dieses überhaupt zu leben“ Solange sich die Eltern den 8 Std Job teilen oder nur einer arbeitet, sehe ich das gar nicht so, im Gegenteil! Wieviele wunderbare Bildungsmöglichkeiten, Kurse, Vereine, etc. bietet eine Großstadt! Aber natürlich, wollen beide Eltern 8h täglich arbeiten, geht das natürlich nicht.

      Liebe Grüße von Rike (und Steve auch!) und herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit!

      PS. Schau doch mal, was z.B. Google oder Jack Ma von Alibaba im Bereich Bildung für wichtig erachten.

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